Holzfloß

Der Weg des Holzes


Ein Reisebericht aus den nördlichen Wäldern


mit bebilderter Floßbauanleitung



Vor vielen Monden reiste ich durch die Waldgebiete des Nordens, es war die Zeit der Holztransporte. In einer der wenigen menschlichen Siedlungen am Fluß erfuhr ich, daß noch kräftige Männer und Frauen für den Transport der Holzflösse gesucht wurden. Dies schien mir eine willkommene Gelegenheit, meine Reisekasse etwas aufzubessern und gleichzeitig in die nächste größere Stadt zu gelangen. Also begab ich mich zum angegebenen Treffpunkt, der Vorarbeiter notierte meinen Namen und schickte mich ans Flußufer, wo die Einschulung erfolgen sollte.
Dort scharte sich gerade eine Gruppe von Leuten um einen hünenhaften Holzfäller, der sich Ragnar nannte. Er führte die Leute zu einem großen Holzstapel, dort zog er ein paar Stämme aus dem Stapel und begann mit der Einweisung.
Er überkreuzte die Arme, faßte ein langes Seil mit den Händen, zog die Arme auseinander und überkreuzte die Arme in der anderen Richtung. Die so zwischen seinen Händen entstandene Doppelschlinge zeigte er seinen Zuschauern. Noch mehrmals wiederholte er die Bewegung, bis die Leute begriffen hatten. Für alle, die sich darunter überhaupt nichts vorstellen können, habe ich die notwendigen Arbeitsschritte aufgezeichnet und erläutert.
Die doppelte Schlinge streifte er über einen der Baumstämme, zog fest und sicherte das kürzere Seilende mit einem Knoten. Nun legte er weitere Stämme parallel zum ersten an und begann, die Enden mit dem Seil zu umwickeln. Sein Gehilfe tat dasselbe auf der anderen Seite der Stämme. Es war nicht leicht, ihren durch jahrelange Übung gezeichneten Handbewegungen zu folgen. Als er etwa 15 Bäume auf diese Art zusammengeschlauft hatte, zog er das Seilende zwischen dem zweiten und dritten Stamm nach oben.
"Und nun kommt die zweite Schicht". Ragnar und sein Gehilfe, der mittlerweile die kurzen Enden des ersten Seiles mit einem weiteren Seil verlängert hatte, hievten einen etwas dünneren Stamm in Längsrichtung auf die untere Lage. In Windeseile machten die beiden Holzfäller ein paar Seilschlaufen, zogen sie an verschiedenen Stellen durch die Stämme und schon saß der Stamm fest. Während dieser Aktion wies Ragnar darauf hin, daß man sich durch diese Schlaufentechnik erspart, das lange Seil oftmals aus- und einfädeln zu müssen. Die Zuschauer waren ziemlich verwirrt, Ragnar mußte diesen Knoten noch viele Male zeigen. Auf dieselbe Art befestigte er auch das andere Ende des Balkens und einen zweiten Balken an der anderen Floßseite. Danach begann er, dazwischen mit Stämmen aufzufüllen.
"Nun kommt die dritte Lage" wandte er sich wieder an die Zuschauer. Wieder begannen er und sein Gehilfe mit einem noch dünneren Längsbalken an den Seiten. Dann wurdw wieder aufgefüllt und die oberste Lage wieder mit zwei Balken am Rand befestigt. Zu guter Letzt errichtete er noch aus drei dünnen Stangen ein dreibeiniges Gestell für eine Plane auf der Plattform.
Hätten die Zuschauer nicht so viele Zwischenfragen gestellt, die beiden Hüne wären im Handumdrehen mit dem Bau fertig gewesen, davon bin ich überzeugt. Trotz der Primitivität scheint diese Seilverbindung aber recht stabil zu sein. Ich war sehr beeindruckt davon, daß beim Bau dieser Flösse offensichtlich keinerlei Eisen eingesetzt wurde.
Nun erklärte Ragnar nochmals die Idealmaße der Stämme: "Unterste Lage, so wie mein Oberschenkel". Dies hatte Gekichere vor allem unter den anwesenden Mädchen und Frauen zur Folge, "Mittlere Lage so wie mein Oberarm (wieder Gekichere) und oberste Lage wie mein Arm". Die Zuschauer versuchten offensichtlich, sich die Maße des Hünen einzuprägen, was weiteres Gekicher und Gelächter auslöste.
Anschließend folgte eine blumige Erklärung, was zu tun ist, wenn das Gefährt auf einer Sandbank festsitzt, oder gar auf einen Stein auffährt. Von Staken und Paddeln war hier die Rede.
Anschließend warf er ein paar Seile in die Menge und ließ die bisher unbeteiligten Zuschauer nun selber üben. Ich begann mich derweilen zu fragen, wie man das so entstandene Floß wohl zu Wasser brächte. Nach einiger Zeit befand Ragnar, daß die Leute nun genug geübt hätten und er rief: "Und nun folgt mir zum Fluß, dort bauen wir ein richtiges Floß!" Am Fluß angekommen, sah ich, was er gemeint hatte: die Flösse wurden im Wasser zusammengeknotet. Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, wie ein paar der Zuschauer sich davonzustahlen, die Aussicht auf eiskaltes Wasser erschien ihnen wohl nicht so erstrebenswert. Die Verbliebenen begannen aber doch, das soeben Erlernte lautstark diskutierend in die Tat umzusetzen und schon bald nahmen mehrere Flöße Gestalt an. So ganz alleine ließ man die Neulinge jedoch nicht werkeln, die erfahrenen Männer kontrollierten und korrigierten, was ihnen nicht richtig erschien. Und schon bald entstanden aus dem anfänglichen Durcheinander mehrere Floßteile, die alsdann zu größeren Einheiten verbunden wurden.
Nachdem alles fertig war und die Verpflegung auf die Flösse verteilt worden war, stellte Ragnar die Mannschaften für die einzelnen Flösse zusammen, dabei nutzte er die Beobachtungen, die er während des Baus gemacht hatte. Er achtete darauf, daß auf jedem Floß jemand war, der sich bei den Knoten besonders geschickt angestellt hatte. Ragnar verteilte auch noch grob skizzierte Karten über den Verlauf des Flusses, darauf waren die wichtigsten bekannten Gefahrenstellen eingezeichnet. Einige davon beschrieb er uns so ausführlich, daß mir schon der schreckliche Gedanke kam, dieser Fluß bestünde nur aus Sandbänken, Felsen, Kehrwasser und Stromschnellen.
Endlich ging es los. Und schon kurz nach dem Aufbruch galt es die erste Schwierigkeit zu meistern: mitten im Fluß ragte ein Felspfeiler aus dem Wasser. Bei unseren wilden Bemühungen, daran vorbeizusteuern, verloren wir gleich mal zwei Stakstangen. Zum Glück hatten wir einen guten Schwimmer dabei, der konnte die Stangen rasch bergen.
Kaum hatten wir uns wieder beruhigt, näherten wir uns einer Sandbank. Wir hatten noch Ragnars Ermahnungen im Ohr, wie mühsam es sei, ein festgefahrenes Floß wieder freizubekommen. Nach der peinlichen Sache mit den Stangen versuchten wir es diesmal mit Schieben, da das Wasser bei der Sandbank schon beängstigend flach war. Das klappte auch ganz gut, fanden wir, obwohl wir später deswegen ausgelacht wurden. "Kein gestandener Holzflösser springt ins Wasser, wenn es nicht unbedingt sein muß", wurde uns gesagt, das sei "eine Frage der Ehre".
Zu besonderem Aufruhr unter uns unerfahrenen Leuten führten immer wieder Steine, die unter der Wasseroberfläche verborgen waren. Manchmal konnten wir solche Stellen rechtzeitig erkennen und noch ausweichen, aber einige Male hatte es uns voll erwischt. Dann bämte sich der festgefahrene Floßteil auf, als versuchte der Flußgott, uns aus dem Wasser zu schleudern. Da hieß es aufpassen, daß keine Ausrüstung oder gar ein Mannschaftsmitglied über Bord geht. Meistens drehte sich das Floß ohne weiteres Zutun unsererseits nach kurzer Zeit wieder von dem Stein herunter.
Im Laufe der nächsten Tage lernten wir allmählich, solchen Hindernissen gelassener entgegenzublicken. Wirklich schlimm waren nur die Stellen mit sogenanntem "Kehrwasser". Dort drehte sich die Strömung um, wenn man nicht auf der Hut war, fuhr man entweder gar nicht mehr oder gar rückwärts. Da kam man nur noch mit verzweifeltem Einsatz aller Paddel wieder heraus, oder man schickte ein paar kräftige Leute mit einem langen Zugseil ans Ufer.
Am Ende einwöchigen Fahrt hatte ich schon fast vergessen, daß unser Volk oft wasserscheu ist. Und die gelernten Knoten nebst Bauweise kann ich sehr gut auch für andere Dinge brauchen.

Die wichtigsten Konstruktionsschritte habe ich später versucht, aufzuzeichnen. Aber man kann diese alte Kunst kaum aus Büchern lernen, ungleich besser ist es, die Handgriffe wirklich zu sehen.


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